Unterwegs mit dem Wind
von Wolgast auf den Högakull

Mai 2024

Mit dem Wind ...  

… auf die Suche nach Entspannung gemacht. Das klappt in der Regel ganz hervorragen, wenn ich morgens, kurz nach Sonnenaufgang, den Radweg zwischen Sauzin und Neeberg nehme. Nichts los da. Außer dem gelegentlichen Zwitschern der Vögel, einigen versprengten Rehen, die sich nicht beim Äsen stören lassen und ein paar Kühen, die scheinbar ebenfalls zu den Frühaufstehern beziehungsweise Früh-Stückern im Tierreich gehören.
Herrlich ruhig ist es. Eigentlich sollte ich anhalten und einfach nur genießen. Aber da wartet ja die Arbeit. Also trete ich – allerdings bewusst langsam – weiter in die Pedale, um diesen friedlichen Moment der vollkommenen Entspannung so lange wie möglich zu genießen.
„Runde 1! 13 Minuten und 35 Sekunden. Dein Tempo ist zu langsam!“, schimpft urplötzlich eine markante Frauenstimme in mein linkes Ohr. Erschreckt verreiße ich den Lenker und kann einen Sturz nur mit größter Mühe vermeiden. Ein Blick über die Schulter: Da ist niemand! Weder fläzt sich eine Dame auf meinem Gepäckträger, noch sitzt ein sprechender Vogel auf meiner Schulter, der mir direkt in die Ohrmuschel quäkt.
Dann fällt der Groschen. Der Tacho am Lenker ist mit meinem Smartphone gekoppelt, und das liegt zuoberst in meinem Rucksack. Also quasi direkt neben meinem Ohr. Der Tacho misst die Rundenzeit, übermittelt den Wert geräuschlos an die Dame in meinem Handy und die kann natürlich ihre Klappe nicht halten.
Normalerweise stelle ich den Ton des Smartphones unterwegs aus. Das muss ich wohl vergessen haben, und so konnte mich meine gnadenlose virtuelle „Fitnesstrainerin“ aus meinen Träumen reißen. Vorbei war es mit der Entspannung. So ein Mist! Und auch noch selbst Schuld. Darüber tröstete auch nicht der Kommentar nach Runde 2 – „11 Minuten und 55 Sekunden. Dein Tempo ist optimal!“ – hinweg. Mein Tempo war mir gerade mal sowas von egal!
Geht es Ihnen nicht auch oft so? Sie haben sich in ein Buch vertieft, und das Telefon klingelt. Sie sitzen am Strand, schauen aufs Meer, und das Smartphone vermeldet eine eingehende Nachricht. Sie schreiben konzentriert an einer Kolumne, wie ich gerade, und ein lieber Freund klopft unangemeldet an die Tür. Oder auch das sicher allen wohlbekannte Szenarium auf der heimischen TV-Couch: Sie genießen gerade die Stimmung beim Herzkino, sind auf dem Traumschiff unterwegs oder befinden sich, zusammen mit dem ermittelnden Kommissar, in der finalen Aufklärungssequenz eines komplizierten Falles und werden urplötzlich durch eine der folgenden Fragen aus allen Träumen und Überlegungen gerissen: „Wie heißt denn noch mal die Schauspielerin? Ich komm gerade nicht auf den Namen.“ „Die Chips sind alle. Holst du noch welche?“ „Was kochen wir eigentlich morgen?“ „Bin gerade eingenickt: Kannst du kurz zusammenfassen?“ Oder auch die beliebteste aller Störfragen. „Hä?! Ich komm da nicht mit!“
Es scheint manchmal, als würden uns die Mitmenschen – nein, die ganze Welt – einfach genau dann stören, unterbrechen, ablenken und beanspruchen, wenn es uns tatsächlich einmal gelingt, für einen Moment aus der korsettartigen Taktung unseres Tagesablaufs auszubrechen. Träumen verboten!
Aber Schuld sind nicht nur die anderen. Ich würde sogar behaupten, dass wir weit mehr als der Hälfte dieser „Störungen“ selbst verantworten. So wie ich. Mit der Stimme in meinem Ohr.
Das allgegenwärtige Smartphone mal für ein paar Stunden komplett auszuschalten scheint uns unmöglich. Ton aus? Ok! Aber die optische Anzeige eingehender Nachrichten muss anbleiben. Könnte ja was Wichtiges dabei sein. Und das Ding auf einer Radtour oder Wanderung einfach ganz zu Hause lassen? Undenkbar! Wie soll ich denn fotografieren? Und was mache ich bei einer Panne?!
Ganz einfach, würde ich da antworten: Flickzeug mitnehmen! Und, anstatt die schönsten Momente der Tour für Familie, Freunde und Bekannte im Bild festzuhalten ist es auch erlaubt und darüber hinaus sehr entspannend all die wundervollen Bilder und Fotomotive, die uns die Natur nicht nur auf Usedom schenkt, auch einfach mal nur zu genießen, ohne permanent deren Zweitverwertung im Hinterkopf zu haben.
Bleibt noch das Problem mit den Fernsehunterbrechungen, die schon so manche Beziehung ordentlich zerrüttet haben. Dafür hätte ich eine ganz wunderbare Empfehlung aus Schweden. Der Renner dort ist das Format: „Die Wanderung der Elche“. Ein Livestream. Die Schweden haben einige Kameras an einem Fluss installiert. Also nicht irgendwo, sondern genau dort, wo zuverlässig irgendwann im Frühling nach und nach Elche auf ihrer Wanderung von der Küste ins Binnenland vorbeischlendern. Wenn sie es sich nicht anders überlegen. Und so viele Elche sind es natürlich auch nicht. Im letzten Jahr ganze 26. Das kann also dauern, bis mal wieder einer vorbeischaut. Stunden, Tage, Wochen. Vielleicht auch erst im nächsten Jahr.
Aber in der Zwischenzeit fließt der Fluss, kreuzt überraschend mal ein Fuchs das Blickfeld und die Vögel zwitschern. Entspannung pur. Wie früher, als die Skilangläufer die olympischen 50km noch nicht auf einem Rundkurs absolvierten. Manchmal dauerte es 20 Minuten bis sich einer der Athleten, mit Eiszapfen am Bart, schnaufend, rotzend und schniefend der Kamera näherte, um anschließend wie ein Phantom wieder im Wald zu verschwinden.
Die Gefahr, beim Chipsholen einen Elch zu verpassen, ist übrigens aufgrund der geschilderten Umstände eher gering. Sollte aber tatsächlich genau in diesem Augenblick einer ins Bild kommen kann ich Sie trösten: Elche sind keine Sprinter …
Aber was ist mit den störenden Zwischenfragen unaufmerksamer Mit-Seher? Die, das verspreche ich Ihnen, werden sich in Grenzen halten. Was wollen die denn fragen? Passiert ja nix – im Fernsehen.
Zum Schluss noch ein Premium-Tipp, wenn Sie nach einem Ort für Kontemplation und Entspannung suchen: Jeden Mittwoch ab 17 Uhr ist in St. Otto-Zinnowitz Anbetungsstunde.
Noch nicht still genug? Zu viel Ablenkung durch Mitbetende? Na dann buchen Sie sich doch einfach einen Aufenthalt bei uns! Unseren Gästen steht die Kapelle nämlich rund um die Uhr zur Verfügung. Und ich versichere Ihnen: Morgens um 3 Uhr stört niemand Ihr leises oder auch lautes Zwiegespräch mit dem lieben Gott. Vorausgesetzt, Sie haben ihr Smartphone nicht dabei. Denn Nachrichten, dass wissen Sie so gut wie ich, ploppen zu jeder Tages- und Nachtzeit auf.